Oldenburg-Museum

Ernst Oldenburg (1914 - 1992)

Weitermachen - Andeutungen zum Spätwerk Ernst Oldenburgs

Verfasst von Marco Schwinning am 27. August 2006 - 23:10.

Der tragische Mensch ist die Natur in ihrer höchsten Kraft des Schaffens und des Erkennens und deshalb mit Schmerzen gebärend.
(Nietzsche)

Der Tod — dein Freund und Helfer

In der Welt der Sagen, Märchen und Fabeln wimmelt es seit jeher von Begegnungen des Menschen mit dem Tod. Meist thematisieren sie den listenreichen Kampf des zum Tode Bestimmten gegen den auferlegten Abschied vom Leben. Individuum und Tod (der selbst als Individuum auftritt) ringen um dieses kostbare Gut menschlicher Existenz. Mal triumphiert — wenigstens vorübergehend — die einfache Bauernschläue, mal setzt sich die zynische Konsequenz des Unvermeidbaren durch. In jedem Fall siegt das leicht gequälte Amüsement beim Lesen der Geschichte, die letztlich einem jeden von uns auf den Leib geschneidert ist. Der verzweifelte Wunsch, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, selbst wenn unsere Zeit gekommen zu sein scheint, bahnt sich lachend den Weg in unser Bewusstsein von der Endlichkeit des Daseins. Wie aber, wenn das Sterben der einzige Ausweg aus der Verzweiflung wäre? Wenn wir den Tod herbeiwünschten, um dem Leben, unter dessen Last wir zu zerbrechen drohen, zu entkommen? Wenn es im Leben nicht mehr weiter gehen kann?

HoffnungHoffnung

Eine alte griechische Fabel [1] erzählt die Geschichte eines greisen Mannes, der unter der schweren, erdrückenden Last eines Holzbündels zusammensinkt. Seine Sehnsucht nach einem Ende des Leidens lässt ihn den Tod herbeirufen. Dieser erscheint prompt und fragt den Alten nach seinem Wunsch. Da wird der alte Mann, den noch einen Augenblick zuvor die Todessehnsucht leitete, von Angst überwältigt. Demütig bittet er die Gestalt des Todes, ihm dabei behilflich zu sein, die schwere Last wieder aufzuheben, damit er sie weiter tragen kann …

Die ins Absurde getriebene Zeichnung des Todes — Freund und Helfer, der den verzweifelten Menschen ins Leben zurück schickt — bringt die verzweifelte Lage des Menschen auf den Punkt: in größter Not ist es die Nähe des Todes selbst, die dem Lebenswillen des Menschen das Weitermachen gebietet. Zugleich sind die Eckpfeiler dieses Gebots gesetzt: die Verzweiflung, die Not, die Todessehnsucht ebenso wie die Angst vor dem Tod — aber auch eine aus der Angst geborene Schlagfertigkeit und List, der Trotz in Ermangelung eines erkennbaren Sinns, die neu gewonnene Kraft. Und über allem: die absurde Heiterkeit im Wissen um die ausweglose Situation.

Ernst Oldenburg ist bereits ein alter Mann, als ihn ein Bote des Todes heimsucht. Im Alter von 74 Jahren — nach langer Zeit intensivsten Schaffens — erleidet er seinen Zusammenbruch in Gestalt eines Schlaganfalls, der ihn mit aller Gewalt von den Möglichkeiten seines bisherigen Lebens abschneiden wird. Mag dieser Einschnitt an sich schon dramatisch genug sein, so markiert er im Rahmen des künstlerischen Schaffens um so entscheidender die drohende Vernichtung. Hat Oldenburg bis zu diesem Zeitpunkt auch bereits an die tausend Werke vollendet, so wird ihn die Lähmung seines Körpers fortan genau dieser Fähigkeit berauben: das die Meisterschaft begründende Werkzeug des Künstlers — seine rechte Hand — ist zu keiner Vollendung mehr geeignet, es ist unbrauchbar geworden. Die Selbstverständlichkeit seines Schaffens ist mit einem Schlag zerstört, das sicher geglaubte Vermögen zur Kunst entgleitet ins Ungewisse.

Was läge an diesem Punkt näher als die Einwilligung in den persönlichen, ganz und gar unphilosophischen Tod der Kunst? Was wäre einfacher als die geruhsame Besinnung im Rückblick auf ein erfülltes Schaffen? Wie der alte Mann in der Fabel wird auch Oldenburg in seinen schwersten Stunden den Tod herbeigewünscht haben, und doch entscheidet er sich letztlich für das Schwerste, das schier Unmögliche: er macht weiter.

[1] Aesop, Greis und Tod, in: Fabeln der Antike, Hrsg. Harry C. Schnur, 2. Aufl., München und Zürich 1985, S. 75.